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Friedrich Schillers bürgerliches Trauerspiel ist seit dem 12. September im Schauspielhaus Hamburg zu sehen. Das Drama um Liebe und Intrigen, vom tschechischen Regisseur Dušan David Parizek mit einer erstaunlichen Intensität und Ehrlichkeit umgesetzt, zeigt auf, wie weit die Liebe gehen kann und in was sie sich verwandelt, wenn sie durch äußere Umstände einer Zerreißprobe ausgesetzt wird.

Im Mittelpunkt des Dramas stehen die Liebenden Luise und Ferdinand. Er ist Sohn des herzoglichen Präsidenten, sie Tochter eines bürgerlichen Musikers: Ihre Beziehung steht aufgrund des Ständekonfliktes unter keinem guten Stern. So kommt es, dass Ferdinands Vater, Präsident von Walter mit seinem Sekretär Wurm eine perfide Intrige spinnt, um das Paar auseinanderzutreiben und die eigene Macht zu sichern.

Es soll Misstrauen und Eifersucht in Ferdinand gesät werden um die junge Liebe von innen heraus zu zerstören. Zwar funktioniert der Plan, doch schießt die Kabale weit über das eigentliche Ziel hinaus, denn die Reaktionen sind weitaus emotionaler und zerstörerischer, als der Präsident oder sein Sekretär es sich jemals hätten vorstellen können.

Dušan David Parizeks Interpretation der ursprünglichen Kritik Schillers an die damals herrschende Ständegesellschaft rückt eher die Gefühlsirrungen der Figuren in den Mittelpunkt. Die junge Liebe von Luise und Ferdinand, die so stark scheint und doch droht, zerrissen zu werden. Ja, die Figuren selbst werden innerlich zerrissen.

Es kristallisieren sich zudem noch Konflikte und Ausbrüche außerhalb der Seifenblase von Ferdinand und Luise aus: Der Vater-Sohn-Konflikt etwa wird in der Szene deutlich, in der Präsident von Walter seinen Sohn dazu zwingen will, Lady Milford, die Geliebte des Herzogs zu heiraten.

Auch der in Schillers Stück zunächst “nur” charakterlose Intrigant Wurm verwandelt sich in Parizeks Augen in einen zwar immernoch heimtückischen Gehilfen des Präsidenten, doch der Zuschauer entdeckt mehr Facetten seiner Person: es lässt sich nicht ganz unterscheiden, ob es reine Lust oder tatsächlich auch Liebe ist, die Wurm dazu bringt, die Kabale zu spinnen und so einen Keil zwischen seiner angebeteten Luise und seinem Konkurrenten Ferdinand zu treiben.

Die Liebe zwischen Eltern und Kind erfährt der Zuschauer jedoch besonders intensiv. Es ist die Art Liebe, die Luise dazu bewegt, einen verhängnisvollen Brief zu unterschreiben, der den Betrug an ihrem geliebten Ferdinand beweisen soll, um ihre Eltern aus dem Gefängnis freizukaufen und sie vor einem möglichen Todesurteil zu bewahren.

Die Umsetzung ist genauso schonungslos wie das Stück, welches Schiller als grausames Trauerspiel 1783 niedergeschrieben hat: leer, beinahe nackt ist das Bühnenbild (auch Parizeks Werk), minimalistisch und ohne ablenkende Details. Zwei Holzwände, im hinteren Bereich der Bühne zu einer Ecke zusammenlaufend. Darin versteckt und kaum sichtbar, ehe man sie öffnet: viele Türen, durch die sämtliche Figuren ein und aus laufen. Kein umdekorieren beim Szenenwechsel, kein Vorhang, keine Pause. Höchstens ein, zwei karge Stühle dienen in manchen Szenen den Charakteren als Sitzfläche .

So kann der Zuschauer seine Konzentration ganz auf die Handlung und die Gefühlsexplosionen richten, die sich auf der Bühne abspielen. Und was für Gefühle… Sie sind echt, sie sind ehrlich. Es ist nicht zuviel, nicht übertrieben, keinesfalls überzogen. Was lustig sein soll, ist auch gewollt.

Der Zuschauer vergisst, dass er im Theater sitzt und Schauspielern zusieht (im Gegensatz zu vielen anderen Produktionen.), er sieht leidende, in die Ecke gedrängte, liebende, kämpfende und resignierende Menschen. Intensiv, menschlich eben. Ganz besonders Julia Nachtmann lässt mit einer erstaunlichen Ehrlichkeit in die Seele der Luise blicken und rührt die Zuschauer zu Tränen. Genau das wäre ganz großes Theater, wenn… ja wenn heutzutage nicht die große Forderung nach einer Provokation wäre. Auch Parizek hat sich dazu hinreißen lassen, denn einen kleinen Skandal muss es ja immer geben, nicht wahr? Doch fragt man sich: braucht eine solch gute Leistung denn Nacktheit, angedeuteten, verzweifelten fast-Sex und eindeutige Zweideutigkeiten, um aufzufallen? Ich denke nicht. Man könnte den Schauspielern ruhig die Unterhose wieder überstreifen und den Morgenmantel zuknoten. Das würde das Stück sogar perfekt machen und garantiert nicht abwerten.

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16. September 2008 | Autor: Anna Aridzanjan | Kategorie: Kultur

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