Paul McCartneys klassisches Oratorium “Ecce Cor Meum” wurde in der Hamburger Laeiszhalle als Teil der norddeutschen Erstaufführung zusammen mit seinen Werken “Spiral” als deutsche Erstaufführung und “A Leaf” dargeboten.
Schuster, bleib bei deinen Leisten… das in etwa könnte man denken, wenn Pop- und Rocklegende Paul McCartney sich an klassische Kompositionen macht. Der Ex-Beatle, der außer ein paar Klavierstunden an seiner Grundschule keinerlei musikalische Ausbildung oder Kompositionslehre genossen hatte, präsentierte der Welt 2006 sein Oratorium “Ecce Cor Meum - Behold My Heart”. Ein Werk, das den Zuhörer zur Liebe führen soll und gleichzeitig ein Requiem für McCartneys verstorbene Frau Linda sein soll.
Nach Lübeck ist Hamburg nun die zweite Stadt der norddeutschen Erstaufführung, dargeboten von Stefanie Kunschke (Sopran), der Lübecker Singakademie, dem Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Chor Hamburg, dem Knabenchor Hildesheim, und Mitgliedern des Philharmonischen Orchesters Lübeck. Musikalische Leiterin war Gabriele Pott.
Was das Publikum in der Laeiszhalle betrifft, so war beinahe jede Zielgruppe vertreten: Familien mit Kindern, ältere Ehepaare, Mittdreißiger, Studenten mit Pilzkopffrisur und Mädchen in Miniröcken. McCartney vereinte sie alle.
Zunächst gab es eine kurzen Einleitungsrede von Gabriele Pott, in der sie unter anderem bedauerte, Paul McCartney könne auf eine Einladung hin nicht bei der Aufführung in Hamburg dabei sein, da er gerade selbst auf Konzerttour in Israel sei, sende jedoch beste Grüße und wünsche eine erfolgreiche Aufführung, bei der er zwar nicht körperlich, jedoch im Geiste anwesend sein würde.
Beflügelt von McCartneys wohlwollendem Geist begann das Konzert mit dem Werk “Spiral” (1997). Ein Stück, das sich redlich Mühe gab, eine gewisse Spannung aufzubauen, es jedoch nicht schaffte, zu einem harmonischen und zufriedenstellenden Höhepunkt zu gelangen. Denn so kraftvoll sich die Musiker auch leidenschaftlich ins Zeug legten, diesem Stück ein wenig Geist und Fülle einzuhauchen - über mehr als einige schlaffe Variationen des Themas kam es nicht hinaus.
Als zweites wurde McCartneys “A Leaf” (1995) gespielt. Welch Kontrast! Ein Stück, das vor Kreativität, Melodien und Abwechslung nur so sprühte! Das Orchester setzte die Lebendigkeit der Komposition perfekt um. Es waren in McCartneys Stück einige Einflüsse und / oder Ähnlichkeiten bedeutender Komponisten klar herauszuhören, etwa Aram Khatchaturian, George Gershwin oder Yann Tiersen.
Nach diesen zwei Orchesterstücken war es soweit: Die Chöre betraten die Bühne und präsentierten “Ecce Cor Meum”. Das viersätzige Werk begann mit “Spiritus”, einem eher düster angehauchten Satz, dessen Motiv sich scheinbar mühsam dahinschleppte. Sehr präsent als Kontrast dagegen war das gesungene Wort “love”.
Der zweite Satz, “Gratia” wurde von Sopranistin Stefanie Kunschke dominiert und schlug hellere, hoffnungsvollere Töne an. Der Chor unterstützte sie mit Leibeskräften, der große Saal erbebte vor soviel Stimmgewalt.
Im dritten Satz, “Musica”, schien McCartney es mit seiner Kompositionseuphorie etwas übertrieben zu haben, denn hier kam alles zusammen: Die Chöre, das Orchester und die Orgel (vielleicht etwas zuviel des Guten?) wetteiferten um das Ohr des Publikums, alles überlagerte sich. Kennen sie den Mittelteil des Beatles-Songs “A Day In The Life”, in dem ein großes Orchester leise anfängt Undefinierbares zu spielen, dabei immer lauter und aggressiver wird, bis alles in einem großen, chaotischen Knall endet? Bei “Musica” schien immer wieder der Ansatz dafür aufzuflammen, bis zum Chaos hat man es allerdings nie geschafft.
Der vierte und finale Satz “Ecce Cor Meum” des gleichnamigen Oratoriums warf einen warmen und musikalisch harmonischeren Blick ins Herz des Komponisten. Chöre und Orchester trugen inbrünstig McCartneys Message zur Welt: “All You Need Is Love”, gesprochen in der Sprache der Klassischen Musik.
Was die taz behauptete, kann hh-life nur bestätigen: Mit der Lübecker Singakademie, dem Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Chor Hamburg, dem Knabenchor Hildesheim, den Mitgliedern des Philharmonischen Orchesters Lübeck und vor allem mit Stefanie Kunschke und Gabriele Pott hatte das Oratorium McCartneys überzeugende Fürsprecher.
Es war ein einzigartiger Abend im großen Saal der Laeiszhalle. Ein Abend mit unkonventionellen Klängen, neuen Erlebnissen und dem Eindruck, dass der Schuster nicht bei seinen Leisten bleiben soll. Er braucht nur ein wenig mehr Übung.
29. September 2008 | Autor: Anna Aridzanjan | Kategorie: Musik und Konzerte
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