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“Ein großes, gewaltiges Werk!” - Gabriele Pott im hh-life.de Interview über McCartneys Harmonien, Umsetzungsschwierigkeiten und Kompositionen als Farbkleckse.

Gabriele Pott ist seit 2003 die musikalische Leiterin der Lübecker Singakademie und feiert seitdem große Erfolge mit spartenübergreifenden Programmideen und außergewöhnlichen musikalischen Konzepten. Ihr letzter Clou war die Norddeutsche Erstaufführung des Oratoriums „Ecce Cor Meum“ von Pop-Legende Paul McCartney. Die Konzerte fanden in Lübeck und Hamburg statt. hh-life.de bat anschließend Gabriele Pott zum Interview:

hh-life.de: Frau Pott, erst einmal herzlichen Glückwunsch zu den zwei gelungenen Aufführungen in Lübeck und Hamburg! Aber woher kommt eigentlich die Idee ein klassisches Stück von Paul McCartney aufzuführen? Waren denn alle großen Komponisten schon durchgekaut?

Gabriele PottGabriele Pott: (Lacht.) So richtig aus dem „klassischen Repertoire“ ausgeschert bin ich mit meiner Lübecker Singakademie ja schon im Jahre 2006, als wir das Requiem von Andrew Lloyd Webber auf die Bühne brachten.
Die Mitglieder der Lübecker Singakademie waren von dem Stück so begeistert, dass sie anschließend genau so etwas noch mal in Angriff nehmen wollten. Nur leider ist das Requiem das einzig klassische Werk von Webber, sonst ist er ja im Musical-Bereich tätig…
Also suchte ich ein wenig in dieser Richtung und stieß auf Paul McCartneys Ecce Cor Meum, das gerade in dem Jahr in England seine Uraufführung erlebte. Genau das richtige Projekt also, um auf dieser eher unkonventionellen Linie weiterzumachen.
In Lübeck haben wir besonders viele sehr gute Kirchenchöre, sodass die großen geistlichen Werke von Mozart, Verdi oder Brahms ständig präsent sind.
Als großer Konzertchor hat man es da ganz schön schwer, sich ein individuelles Gesicht mit eigenen Ideen zu geben. Daher war Ecce Cor Meum eine gute Gelegenheit für uns. Wir sind in der glücklichen Lage, sagen zu können: wir singen sowohl geistliche als auch weltliche Musik, und Ecce Cor Meum als semiklerikales Werk passt genau in dieses Profil.

hh-life.de: Das Oratorium hat als modernes und sehr unkonventionelles Werk natürlich seine Eigenheiten, die es von klassischeren Oratorien unterscheidet. Was an Ecce Cor Meum war denn besonders schön, was besonders schwierig umzusetzen?

Gabriele Pott: Ganz besonders schön waren natürlich McCartneys Melodien, denn er ist und bleibt Komponist von traumhaft schönen Liedern wie Penny Lane oder Hey Jude. Bei diesen Songs erkennt jeder beim Hören: Das ist Paul McCartney!
Genau das findet man auch im Oratorium wieder. In dieser Komponente ist er sich sehr treu, wie auch in seinen typischen, lieblich dissonanten Harmonien und selbstverständlich den Texten. In denen geht es schon seit den Sechziger Jahren primär um Liebe und Frieden, und die trägt McCartney auch weiter ins Oratorium.
Was die Schwierigkeiten angeht, merkt man, dass Paul McCartney es gewohnt ist, im Studio zu arbeiten und die Klänge elektronisch zu produzieren, zu verstärken und auszubalancieren, auch auf der Bühne. Die eher unkonventionelle Instrumentierung des Werkes brachte z.B. die Schwierigkeit mit, die Sopranstimme adäquat hörbar werden zu lassen und eine Klangbalance innerhalb der vielen Klangschichten zu finden.
Der interpretatorische Reiz des Werkes lag aber auch vor allem darin, den vielen verschiedenen stilistischen Elemeten u.a. auch Pop-und Jazz -Musik einen klassischen Rahmen zu geben.

hh-life.de: Bei den Konzerten in Lübeck und Hamburg gab es ja nicht nur Ecce Cor Meum zu hören, sondern auch zwei Orchesterstücke von Paul McCartney: „Spiral“ und „A Leaf“. Welches der drei Klassik-Kreationen gefällt Ihnen denn persönlich am Besten?

Gabriele Pott: Die Stücke sind nicht wirklich miteinander vergleichbar. Ecce Cor Meum ist DAS große Oratorium und damit auch mein Lieblingsstück, weil wir so gut und viel damit arbeiten konnten. Für die Chöre ist im Oratorium einfach sehr viel abwechslungsreiches Material vorhanden, darin konnten wir richtig aufgehen!
Die beiden Orchesterstücke sind für mich eher McCartneys Kompositions- und Klangstudien, quasi seine ersten Begegnungen und Experimente mit Klassischer Musik, in denen er lernte, klassisch zu denken und zu etwas zu verarbeiten: Ich habe ein Motiv, das durch die verschiedenen Farben geht und harmonisch und rhythmisch verändert wird. So fängt er eine Art von kompositorischem Aufbau an. Und für diese ersten Schritte, die keinesfalls mit großen Symphonien von Mozart, Verdi oder Brahms vergleichbar sind, finde ich “Spiral” und “A Leaf” durchaus sehr gelungen!
Gerade “A Leaf”, zunächst nur fürs Klavier konzipiert, sprüht ja nur so vor Ideen, von pianistischen Figurationen über gestopfte Trompetenklänge hin zu brucknerschen Hornmelodien. Bei „Spiral“ hingegen ist es die improvisatorische Idee, die dahinter steckt: „Spiral“ ist nicht wirklich fest im Rhythmus, sondern die melodischen Linien kommen wie bunte Farbkleckse daher.

hh-life.de: Was für Reaktionen seitens des Publikums erhofften Sie sich in Lübeck und Hamburg? Wurden Ihre Erwartungen erfüllt?

Gabriele Pott: Meine Erwartungen wurden sogar übertroffen! In Lübeck war die Petri-Kirche randvoll, nach dem Konzert gab es Standing Ovations;
In Hamburg waren ebenfalls die Reaktionen auf Ecce Cor Meum überwältigend. Ich habe richtig begeisterte Stimmen gehört, die das Werk toll fanden. Es gab aber auch nachdenkliche Stimmen, die fanden, Ecce Cor Meum habe einen doch sehr merkwürdigen Stil.
Natürlich hat dieser Stil mit der Geschichte McCartneys zu tun und mit der Tatsache, dass „seine Klassik“ letzten Endes eine Crossover-Arbeit ist.
Ich muss sagen, das Oratorium ist als solches ein großes, gewaltiges Werk geworden, das seine Berechtigung haben muss, auch weiter mit sehr viel Freude aufgeführt zu werden.

hh-life.de: Da Sie und die Lübecker Singakademie sich besonders für unkonventionelle Stücke und Crossover-Kompositionen begeistern, darf man auch in Zukunft Projekte dieser Art von Ihnen erwarten?

Gabriele Pott: Ein regelmäßiges Konzertprogramm der etwas anderen Art haben wir ja bereits: die „Nordische Weihnacht“, die wir jedes Jahr zur Weihnachtszeit aufführen. Dabei handelt es sich um speziell nordische, vor allem skandinavische Kompositionen zu Weihnachtsliedern.
Was wir als nächstes großes symphonisches Werk planen wollen, steht aber leider noch nicht fest. Die Suche geht aber wieder in die ähnliche Richtung: Außergewöhnliche Zeitgenossen und Cross-Over-Ideen im Klassik-Genre.

hh-life.de: Verehrte Frau Pott, wir danken Ihnen ganz herzlich für das Interview, und wünschen Ihnen und der Singakademie weiterhin viel Erfolg.

Gabriele Pott: Ich habe zu danken!

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2. Oktober 2008 | Autor: Anna Aridzanjan | Kategorie: Interviews

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3 Kommentare zu “Gabriele Pott im Interview zu Ecce Cor Meum”

  1. otto schneider am 13. Oktober 2008 um 11:43 Uhr

    Sehr geehrte Redaktion,
    ich war in Lübeck bei “Ecce cor meum” und sehr angetan. Daher lautet meine Anfrage, ob dieses Werk in Hamburg oder Lübeck mitgezeichnet wurde und wie ich es eventuell dann erwerben könnte.
    Herzlichen Dank

    Otto Schneider

  2. Redaktion am 13. Oktober 2008 um 14:20 Uhr

    Hallo Herr Schneider,

    in Hamburg wurde das Konzert aufgezeichnet. Ich kann leider nicht sagen von wem. Sie können jedoch bei der Musikhalle anrufen, vielleicht findet sich jemand, der dazu eine Auskunft geben kann. Kontaktdaten finden Sie unter: laeiszhalle.de

    Redaktion

  3. Gospolitans in der Laeiszhalle - Kirchenchor mal anders - Hamburg Magazin - Hamburg - hh-life.de am 1. November 2008 um 16:28 Uhr

    [...] Gospolitans sind ein etwas anderer Kirchenchor: Poppig, funkig und mit unüberhörbaren R’n’B-, Jazz- und Soul-Elementen. Da hört man keine [...]


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