Für das Rock-Musical „Frühlings Erwachen“, frei nach dem gleichnamigen Drama von Frank Wedekind, werden deutschlandweit junge Darsteller gesucht. Auch in Hamburg fand ein Casting für Jugendliche statt.
Merlin glaubt nicht an Magie – er lässt einfach alles auf sich zukommen. Entspannt, fast nachlässig blättert er in seinem Notenbuch. Merlin ist schlank, seine rotblonden Locken stehen zerzaust vom Kopf ab. Der siebzehnjährige Schüler ist zwar mit seiner Mutter nur für das Casting den weiten Weg aus Kassel nach Hamburg gekommen - doch wenn es nicht klappen sollte? Egal, es wäre für ihn keine Tragödie.
Merlin Wagner ist einer von über fünfzig Bewerbern, die in Hamburg an der Open Audition für das neue Rock-Musical „Frühlings Erwachen“ teilnehmen. In insgesamt vier Castings wird deutschlandweit nach jungen Darstellern für die musikalische Interpretation des Wedekind-Dramas gesucht. Die Premiere findet schon im März 2009 in Düsseldorf statt.
Durch die verglaste Eingangstür des Schmidts Tivoli sind unruhig auf und ab gehende Körper zu erkennen. Sie alle haben ein Schildchen mit ihrer Teilnehmernummer an der Brust kleben. Sie alle warten auf ihren Aufruf, um im Saal vor einer strengen Jury ihr Können zu beweisen.
Merlin ist schon seit zwei Stunden hier. Er gibt sich lässig: „Ich hab keine Glücksbringer, da glaub ich nicht dran. Naja, und nervös bin ich auch nicht wirklich. Eher motiviert. Klar, ich werde natürlich mein Bestes geben, aber ich klammere mich jetzt nicht wirklich an diese eine Chance.“
Merlin ist über sein Jugendtheater auf die Idee gebracht worden, am Casting teilzunehmen. Seine Vorbereitung? „Ich habe zwei Songs einstudiert. Zuerst natürlich „Bitch of Living“, das ist ja ein Lied aus dem Musical selbst. Und dann noch „Losing My Religion“ von REM.“
Die literarische Vorlage, Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“, hat Merlin auch gelesen. Er grinst schüchtern. „Ist schon ein bisschen kompliziert zu lesen. Wegen der altertümlichen Sprache, meine ich. Ich hatte auch zum Schluss keine Zeit mehr und hab es nicht ganz zu Ende geschafft“, gibt er zu.
Doch die Problematik, die Wedekind in seinem gesellschaftskritischen Drama anspricht, findet Merlin immer noch aktuell. „Viele dieser Sorgen haben Jugendliche heute ja auch. Und was die Aufklärung betrifft: man sieht’s ja, Teenager-Schwangerschaften gibt es sehr oft noch.“
Merlins Mutter wartet mit ihm, scheint ein wenig angespannter zu sein als er. Während er erzählt, huscht immer wieder ein stolzes Lächeln über ihr Gesicht. Merlins Familie steht voll hinter seinem Wunsch, Musicaldarsteller zu werden. „Wir unterstützen ihn, egal welche Pläne er hat“, sagt seine Mutter.
Merlin hat eineinhalb Jahre Gesangsunterricht hinter sich, hat viel Theater gespielt, an Workshops teilgenommen. An Praxis auf der Bühne mangelt es ihm also nicht. Er selbst mag seine Chancen nicht einschätzen: „Das kann ich gar nicht. Aber mir wurde oft gesagt, dass ich sehr gut singen kann.“ Seine Mutter ergänzt: „Und das waren Profis!“
Die Sonne scheint, doch es ist kalt auf dem Spielbudenplatz. Viele junge Castingbewerber kommen zwischendurch nach draußen. Sie wollen sich abkühlen, frische Luft schnappen. Einige rauchen. Unmerklich zitternd halten sie Zigarettenstummel zwischen den Fingern. Ob nun die Kälte oder die Aufregung sie bibbern lässt, ist schwer zu sagen.
Zwischendurch ist Gesang zu hören. Es wird noch einmal kurz geübt, die Stimme eingesungen, der Text überflogen. Doch von Konkurrenzkampf keine Spur: die Jugendlichen unterhalten sich freundschaftlich, knüpfen Kontakte, versuchen sich abzulenken. Nervosität dürfen sie sich im Casting nicht anmerken lassen, schließlich wollen sie alle unbedingt eine Teenager-Rolle in „Frühlings Erwachen“ bekommen.
Merlin würde am liebsten Moritz spielen, einen der verzweifelten Hauptfiguren des Stückes. Der Charakter Moritz erlebt seine Pubertät als eine Katastrophe, hat außer seinem Freund Melchior niemanden, mit dem er über seine Sorgen reden kann. Er verspürt erste sexuelle Regungen seines Körpers und kann sie nicht zuordnen. Gegenüber Mädchen empfindet er eine seltsame Mischung aus Abscheu und Verlangen.
Für Merlin wäre diese Figur interessant zu spielen. „Aber es ist nicht so, dass ich mich vollkommen mit Moritz identifiziere. Ich bin schon ein wenig anders… eher aufgeweckter, optimistischer.“
Und in Sachen Schule auch nicht ganz so hoffnungslos. „Wenn das Musicalengagement nicht dazwischenkommt, mache ich erstmal die Schule zu Ende und natürlich Abitur. Dann möchte ich Gesang studieren.“ Und wenn das Casting erfolgreich abläuft und er als Darsteller engagiert wird? „Mal sehen ob es überhaupt klappt. Falls ja, will ich diese Chance ergreifen, klar. Aber da will ich jetzt noch nicht groß Pläne schmieden. Erstmal rein und sehen, wie’s läuft.“
Rein will auch Benjamin Hübner. Aber jetzt ist er erst einmal kurz draußen, eine rauchen.
Der Zwanzigjährige hat schon eine Ausbildung an der Schule für Schauspiel in Hamburg absolviert. Aktuell ist er ab Dezember in der Inszenierung für das Weihnachtsmärchen „Tischlein Deck Dich“ am Ernst-Deutsch-Theater zu sehen.
Wieso er dann noch an einem Musicalcasting teilnimmt? „Die Proben für „Frühlings Erwachen“ beginnen ja erst, nachdem mein Engagement für das Weihnachtsmärchen zu Ende ist,“ erklärt er.
Erfahrung mit Wedekinds Werk hat Benjamin auch schon gesammelt. An der Schule hat er die Rolle des Moritz im Theaterstück gespielt. Doch nun interessiert er sich eher für den Charakter des Hänschen Rilow. Dieser entdeckt homosexuelle Neigungen an sich und geht relativ zwanglos mit seiner Sexualität um, verliebt sich sogar in seinen Schulfreund Ernst Röbel.
Was das Casting betrifft, ist Benjamin locker: „Ich bin überhaupt nicht nervös. Bin ja hergekommen um teilzunehmen und Spaß zu haben. Und wenn es nicht klappt, bin ich auf jeden Fall um eine Erfahrung reicher.“
Ursprünglich wollte er schon immer einen Beruf erlernen, in man viel reisen kann. Daher fing er eine Ausbildung zum Hotelfachmann an, entdeckte dann jedoch in sich die Liebe zum Theaterspielen.
Benjamin sieht sehr jung aus. Er hat große, durchdringende Augen, strahlt Ruhe und Selbstsicherheit aus. Das könnte bei der Jury punkten.
Zur Vorbereitung hat er „Trouble“ von Coldplay einstudiert, sowie den „Alabama Song“ von den Doors. „Das Lied gehört immer zu meinem Repertoire, zum Beispiel wenn ich am Lagerfeuer etwas auf der Gitarre spiele.“ Die Gitarre hat er dabei. „Damit werde ich mich selbst begleiten.“
Schnell ist auch die zweite Zigarette aufgeraucht, er muss wieder rein.
Die Kälte auf dem Spielbudenplatz kriecht in die Knochen, die Zeit scheint an so einem Donnerstagnachmittag in St. Pauli stehengeblieben zu sein. Nach und nach kommen Jungen und Mädchen aus dem Gebäude, einige der kindlichen Gesichter können die Enttäuschung kaum verstecken. Instinktiv wird zum Handy gegriffen: „Nein, ich hab’s nicht geschafft.“ Ein Mädchen ist den Tränen nahe, kann sich gerade noch beherrschen. Eine anderes Mädchen zuckt mit den Achseln. „Ja, schade. Ich war einfach zu aufgeregt, da hat meine Stimme gezittert und ich hab den Text vergessen. Egal, dann gehe ich eben noch zu DSDS.“
Viel Zeit hat die Jury für jeden einzelnen Bewerber nicht. „Man kommt auf die Bühne, singt, die Jury macht ihre Notizen, sagt danke, und dann geht man wieder“, fasst eine Teilnehmerin das Procedere zusammen, „und wenn man gut war, kriegt man alle Infos und Unterlagen zum CallBack. Aber bis jetzt hatten hier nur zwei oder drei Leute das Glück, glaube ich.“
Schließlich taucht Merlin auf. „Ich hab’s geschafft, ich bin in der zweiten Runde!“, sagt er und grinst von Ohr zu Ohr, „Ich hab einfach das Lied gesungen, da hat die Jury mich gebeten es nochmal zu singen. Nur musste ich mir diesmal vorstellen, wie ich vor einem Spiegel stehe und mit mir selbst singe. Die Jury sagte, ich würde mich gut für Rolle von Ernst Röbel eignen.“
Es vergehen keine zwei Minuten, da läuft auch schon Benjamin, die Gitarre fest umklammert, freudestrahlend hinaus. Er hat es geschafft. „Unglaublich! Ich war höllisch nervös, das hätte ich nie gedacht!“
Wer wie Merlin und Benjamin die Jury für sich gewinnen konnte, darf am 10. November zum CallBack nach Düsseldorf. Für eine weitere Runde Casting-Stress um vielleicht im nächsten Jahr auf der Musicalbühne zu stehen. Wenn die Luft nicht mehr so kalt ist und der Frühling langsam erwacht.
24. Oktober 2008 | Autor: Anna Aridzanjan | Kategorie: Kultur
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