Wer wissen möchte, was es eigentlich mit den Hamburger Bunkern auf sich hat oder wie der Zivilschutz während des Zweiten Weltkrieges und des Kalten Krieges ausgesehen hat, muss in kein Museum gehen oder trockene Bücher lesen. Sondern einfach bei einer Bunkerführung dabei sein.
Die Grünfläche beim Berliner Tor, direkt am Hotel Berlin in Hamburg sieht ruhig, beschaulich und garantiert unscheinbar aus. Doch was sich darunter befindet, hat eine lange Geschichte zu erzählen: Denn unter dieser Grünfläche liegt der Tiefbunker Berliner Tor. Der dreigeschossige Rundbunker wurde 1940 als Zivilschutzmaßnahme erbaut und bot im Zweiten Weltkrieg ca 600 Menschen Schutz vor Bombenangriffen der Alliierten.
Doch wer sich denkt, die Geschichte des Bunkers ist damit zu Ende, täuscht sich. Als Anfang der Sechziger Jahre der Kalte Krieg sich zuspitzte und man einen atomaren Schlagabtausch zwischen den NATO-Staaten und der Sowjetunion befürchtete, wurde der gesamte Zivilschutz der BRD neu organisiert. Dazu gehörte es, alte Kriegsbunker wieder “benutzbar” zu machen und diese auch gegen einen möglichen Atomangriff zu sichern.
Eine solche “Erneuerungsmaßnahme” hat auch unser alter Tiefbunker am Berliner Tor mitmachen müssen. Die Folge der Umbauten: So würde der Bunker dann nur noch 440 Schutzsuchenden Platz bieten. Ob diese Maßnahmen tatsächlich das Überleben der “Insassen” während eines Atomangriffes garantiert hätten, das würden wir im gut zweistündigen Bunkerrundgang erfahren… Übrigens nur einer von verschiedenen Bunker- und unterirdischen Rundgängen, die der gemeinnützige Verein “unter hamburg e.V.” veranstaltet, um Hamburgern und Touristen gleichermaßen die “versteckte” Geschichte Hamburgs zu präsentieren.
Geleitet werden wir vom sympathischen und kompetenten (erlauben Sie mir dieses Wortspiel) “Führer” Ronald Rossig, gleichzeitig Vorstandsvorsitzender des Vereins “unter hamburg e.V.” Schon beim ersten Schritt auf die Stufen wird es merklich kälter, die Luftfeuchtigkeit kriecht uns in die Knochen und ein dezenter Schimmelgeruch steigt in die Nase. Kein Wunder, schließlich stand der Bunker eine Zeitlang unbenutzt und vor sich hin vegetierend gut 1,50m unter Wasser, bis er ausgepumpt und somit wieder begehbar wurde.
Der Rundbunker macht seinem Namen alle Ehre. Es kommt einem vor, als würde man immer nur im Kreis gehen, der gesamte Bunker ist wie eine Art “Wendeltreppe” 3 Stockwerke in die Tiefe angelegt. Wir sind ein wenig zu spät dran und stoßen verlegen zur schon fortgeschrittenen Gruppe, die es sich bereits in einem der Aufenthaltsräume “gemütlich” gemacht hat.
Dieser enge Schutzraum ist vollgestopft mit spärlich bis gar nicht gepolsterten Holzsitzen. Allerdings dienten diese Polsterungen nicht dem Komfort, sondern dem Schutz - schließlich wurde alles bei einem Bombenangriff kräftig durchgerüttelt. Ob allerdings bei einem Atomangriff die Schutzpolster und gespannten “Wäscheleinen” am Kopfende gehalten hätten? “Die Dinger bieten überhaupt keinen Schutz”, erklärt Rossig, “das Design scheint man sich eher in den Abteilen der Deutschen Bahn Jahrgang ‘58 abgeguckt zu haben.”
Wirft man einen Blick auf die Wände, so erkennt man, dass diese mit Streifen aus Phosphorfarbe übersät sind, um bei einem Stromausfall die Orientierung zu gewährleisten. Weiter geht es in einen Raum, wo ein großer grüner Wassertank und daneben eine kleine Duschkabine zu sehen sind. Ja, hier konnte man duschen. Allerdings nicht für die tägliche Hygiene: “In den Sechziger Jahren waren die Leute der Ansicht, mit ein bisschen Wasser, Seife und Chlor bekommt man jede radioaktive Verstrahlung wieder weg.”
Anschließend wird uns das Notstromaggregat, die Lüftungsanlage und der eigene Brunnen gezeigt. Damit sollten die Schutzsuchenden bis zu zwei Wochen unter der Erde überleben können, bis die agressivsten atomare Strahlungen langsam abgeebbt wären…
Apropos überleben: Ohne Schlaf geht das natürlich nicht. Doch Schlafräume für über 400 Mensche würden zuviel Platz einnehmen. Die zermürbende Lösung war Schlafen im Schichtwechsel. Nagut, wieso nicht? Schließlich kommt sowieso kein Tageslicht durch, da gerät der Bio-Rhythmus des Menschen ohnehin komplett durcheinander. Rossig vergleicht das mit dem Jetlag-Syndrom, was nach langen Flügen über mehrere Zeitzonen eintritt, “mit dem Unterschied, dass dieser Effekt nicht nach einigen Stunden abklingt, sondern ständig da ist, bis man wieder Tageslicht zu sehen bekommt.”
Uns wird der winzige Schlafraum gezeigt: Ein dunkler, mit zahlreichen 3er-Etagenbetten vollgestellter Ort. Wobei man die eigentümlichen Gestelle nicht wirklich als Betten bezeichnen kann: jede Schlafstätte besteht aus einem unglaublich kleinen, in Sargform (psychologisch nicht wirklich geschickt…) zugeschnitteten Rahmen, über den Segentuch gespannt ist.
Weiter geht es in den Essensraum und die Küche. Im Gegensatz zu den anderen Auftenhaltsräumen bietet der Essensraum sogar ein wenig mehr Bewegungsfreiheit. Durch eine Ausgabetür mit der Küche verbunden herrschte hier ein reges Treiben, da nicht alle Menschen gleichzeitig Essen fassen konnten.
Erstaunlich: obwohl es einen gemischten Schlafraum gibt, sind die Waschräume hier nach Geschlechtern getrennt. Die Toilettenkabinen lassen sich nur mit einem dünnen Vorhang vor Blicken verschließen - eine reine Sicherheitsmaßnahme, damit niemand auf die Idee kommt, sich im Klo einzuschließen und möglicherweise Selbstmord zu begehen.
Nach allem, was wir bis jetzt gesehen haben, stellt sich natürlich vor allem eine Frage: Wenn es im Kalten Krieg einen atomaren Angriff auf Hamburg gegeben hätte, hätte dieser Bunker tatsächlich als sicherer Schutz für die Zivilbevölkerung gedient? Oder war die Bevölkerung der Willkür der Atomstaaten schutzlos ausgeliefert? Sind die Schutzmaßnahmen nur gutgemeint, statt wirklich gut?
Die beste Methode dies rauszufinden, ist tatsächlich: einfach bei solch einem Rundgang mitmachen, es lohnt sich! Die Bunkerführung ist interessant, spannend und unheimlich zugleich. Sie führt den Teilnehmer auch vor Augen, in welch einer Gefahr sich Deutschland und vor allem Hamburg tatsächlich im Kalten Krieg befunden haben muss. Was besonders gut ankommt: die Führung ist keinesfalls trocken, denn Rossigs Erklärungen und Kommentare während des Rundgangs sind gespickt mit tiefschwarzem Galgenhumor. Nicht unbedingt schlecht, denn gerade durch diesen unterhaltsamen wie bitteren Zynismus prägt sich das soeben Gesehene besser ein.
Also am Besten gleich auf die Webseite, Termin für die gewünschte Führung raussuchen und entweder per Telefon, Fax oder e-Mail anmelden.
Die Termine der nächsten Führungen und alle Infos zum Verein gibt es auf der offiziellen Seite von unter hamburg e.V.
3. September 2008 | Autor: Redaktion | Kategorie: Hamburg
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